Geschichte 1924-1946

Liest ein Anhänger des Fußballsports die Spiegelauer Orts-Chronik aus dem Jahre 1937, so steht es für ihn eindeutig fest. Die Geburtsstunde seines TSV liegt im Jahr 1902, weil damals der „1. Fußballklub Spiegelau“ gegründet wurde. „Dessen Existenz bewegte sich einige Jahre hindurch in größtenteils passivem Rahmen“ – was immer man darunter verstehen mag. Erst im Jahre 1909 bringt der Postschaffner Georg Angermeier Schwung in den Verein. Nach dessen Wegzug aus Spiegelau, aber wohl auch bedingt durch den Ausbruch des I. Weltkrieges, erlahmen die Aktivitäten wieder.

Die ersten erfolgreichen Gehversuche

1924 – Gründungsjahr des TSV Spiegelau?

Wenn die Mitglieder des TSV Spiegelau darauf aus sind, möglichst oft ein Gründungsjubiläum zu feiern, dann haben sie dazu reichlich Gelegenheit. Es gibt nämlich drei Zeitpunkte, von denen man mit Fug und Recht behaupten kann: Das ist die Geburtsstunde des TSVMit der Gründung des „Arbeiter Sportvereins“ im Jahr 1921 wird die Begeisterung für den Fußballsport wieder geweckt. Und ein Inserat im „Grafenauer Anzeiger“ beweist, daß es 1922 in Spiegelau sogar zwei Fußballvereine gibt.

Zeitungsausschnitt
Zeitungsauschnitt Gründung TSV Spiegelau

Für den Anhänger des Turnens ist selbstverständlich am 19. Juni 1924, um 20.30 Uhr, die Geburtsstunde des TSV Spiegelau. Zu diesem Zeitpunkt treffen sich nämlich einige sportbegeisterte Spiegelauer im „Kath. Arbeiterheim“ (heutige „Kegelbahn“) zur Gründungsversammlung des „Turnvereins Spiegelau“.

Kath. Arbeiterheim
Kath. Arbeiterheim

Beide Vereine existieren längere Jahre nebeneinander. Zum erstenmal taucht der heutige Vereinsname „TSV Spiegelau e.V. 1924“ am 12.3.1946 im Protokollbuch des Turnvereins auf. In der Generalversammlung, die an diesem Tag im Gasthaus „Zur Steinklamm“ statffindet, schließen sich die Fußballer als Sparte (mit besonderen finanziellen Rechten) dem Turnverein an.
Daß die Sportler im neuen Namen „TSV Spiegelau“ als Zusatz „1924“ aufnehmen, zeigt jedoch deutlich, daß sie sich in der Nachfolge des „Turnvereins Spiegelau“ sehen.

TSV Gründung
TSV Gründung

Obwohl es noch keine offiziellen Sportvereine gibt, herrscht in Spiegelau im 19. Jahrhundert bereits ein reges sportliches Treiben. Schon im Jahr 1806 hat in Spiegelau eine Sportart eine große Anhängerschar, die heute noch zu den erfolgreichsten in unserem Heimatort zählt: das Eisschießen. Dafür werden sogar die beiden Bäche Schwarzach und Ohe angestaut.

Die zweite wichtige Sportart, die ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts auftaucht, ist das Kegeln. 1843 errichtet der Glashüttenbesitzer Anton Stangl hinter dem Hüttenwirtshaus die erste Kegelbahn. In den kommenden Jahren werden vier weitere Kegelbahnen errichtet.

Der beliebteste „Sport“ zu dieser Zeit ist jedoch das Kartenspiel. Beim „Laustiegeln“, „Hunderteinsern“, „Zwicken“, „Bierrumpeln“ und „Schaffkopfen“ kommt die eigentliche sportliche Betätigung meist erst im nachhinein. Diese Spiele enden nämlich nicht selten in handfesten Schlägereien. Weitere Sportarten, die damals gerne betrieben werden, sind Billard, Zimmerstutzenschießen und Schach.
In der Gründungsversammlung am 19.6.1924 im „Kath. Arbeiterheim“ wird Josef Achatz sen. zum 1. Vorstand gewählt. Sein Sohn Josef Achatz jun. wird 1. Turnwart. Die 22 aktiven und 5 passiven Mitglieder schließen sich mit ihrem Verein der „Deutschen Turnerschaft“ an.

Als „Stadion“ dient in den Anfangsjahren eine Wiese auf dem Weg nach Neuhütte, die der Hausbesitzer Resch aus Neuhütte dem Turnverein im Austausch für ein entsprechendes Grundstück zur Verfügung stellt.

turnerische Vorführung
„Sommerabturnen“ am 28.9.24 mit leichtathletischen Dreikämpfen

Die erste sportliche Veranstaltung ist das „Sommerabturnen“ am 28.9.24 mit leichtathletischen Dreikämpfen, Staffetten läufen und Faustballwettspielen. Die Siegerehrung findet im Vereinslokal „Ziegler“ statt. Am Abend werden im Rahmen einer Tanzveranstaltung im „Kath. Arbeiterheim“ zum ersten Mal in der jungen Vereinsgeschichte turnerische Vorführungen und Pyramiden gezeigt.

Im August 1925 werden bereits zwei neue Turnplätze in Angriff genommen. Das Forstamt Klingenbrunn stellt dafür die sog. „Weberlwiese“ zur Verfügung. Und der Kommerzienrat Dr. Konrad Wilsdorf, über Jahrzehnte der wichtigste Förderer, überläßt dem Verein ein Grundstück, auf dem heute das Staatliche Sägewerk steht.

Die sportlichen Aktivitäten zu dieser Zeit und in den kommenden Jahren sind im Sommer vor allem die leichtathletischen Disziplinen Laufen, Weitsprung und Kugelstoßen und das Turnen, insbesondere die „Freiübungen“. Für die Turnstunden im Winter steht im „Kath. Arbeiterheim“ ein Turnsaal zur Verfügung. Ab 1926 ist dem Verein auch eine Damenriege angeschlossen.

Sehr interessant dürfte vor allem für die „Früher-war-alles besser“-Leute folgendes sein. Bereits zu dieser Zeit gibt es im Verein Phänomene, die man gerne als typisch für unsere heutige Zeit ansieht: Mangelnder und unpünktlicher Besuch der Turnstunden, Vereinsaustritte aufgrund privater Streitereien und nicht zuletzt Geldforderungen für Fahrten zu Festen und Turnveranstaltungen.

Turner Riege
Turner Riege

Bei der Generalversammlung am 20.11.26 taucht zum ersten Mal der Name eines Mannes auf, der über drei Jahrzehnte die Geschicke des Turnvereins entscheidend beeinflußt: Max Karger sen., der in seiner schlesischen Heimat das Geräteturnen von der Picke auf gelernt hat, wird Turnwart.

1928 wird wiederum unter Federführung von Konrad Wilsdorf begonnen, in der „List“ einen neuen Sportplatz zu bauen. 1931 schenkt Wilsdorf der Ortsgemeinde Spiegelau den mit Unterstützung der Staatsbehörden erstellten Platz mit der Auflage, ihn stets den Sportlern zur Verfügung zu stellen.

Bei den Neuwahlen am 24. 9.32 wird der Lehrer Hans Wagner 1. Vorstand. Aus der Orts-Chronik ist sehr viel über die rege sportliche Tätigkeit dieser Zeit zu erfahren. Bei einem – laut Chronik – „ergötzlichen Fußballspiel“ am 10.9.33 siegt die Altherrenriege des Turnvereins gegen die 1. Fußball-Mannschaft mit 3:2 Toren. Man kann sich heute noch bildlich die diebische Freude der Turner vorstellen.

In diesem Jahr werden auch zwei Fußballspiele gegen den FC Riedlhütte ausgetragen und recht deutlich mit 0:5 und 1:6 verloren. Und wenn man einmal wie gegen den FC Hutthurm mit 4:2 Toren auf der Siegerstraße ist, wird das Spiel wegen „vermehrter mündlicher Angriffe“ der gegnerischen Zuschauer vom Schiedsrichter abgebrochen.

Am 3.12.33 ist der Stauweiher bei Großarmschlag Schauplatz eines Werbepreis-Eisschießens, bei dem in den ersten Rängen bekannte Namen des Eisstocksports zu finden sind, wie z. B. die Mannschaften Schönberger und Gottal aus Spiegelau oder Seidl aus Riedlhütte.

Am 24.1.34 wird im Anschluß an eine Schneeschuhtour von umliegenden HJ-Gefolgschaften ein Jugend-Abfahrtslauf veranstaltet. Der Start war an den blauen Säulen am Lusen, das Ziel in Waldhäuser. Die Siegerzeit von Michl Graup aus Spiegelau ist 9 Minuten und 45 Sekunden. Den ersten großen überregionalen Erfolg in der Vereinsgeschichte feiern am 31.1.34 die Eisschützen bei der Bayerischen Meisterschaft in Obersdorf. Unter 56 Moarschaften belegen die Spiegelauer mit Julius Gottal, Franz Winter, Johann Perl und Alois Schönberger den 1. Platz. Dem Empfang der siegreichen Mannschaft am Bahnhof mit Musik und Lampions folgt ein Triumphzug zum Vereinslokal „Schinabeck“, bei dem die Sieger von weiß gekleideten Mädchen mit Girlanden eskortiert werden.

 

erfolgreiche Eisschützen
erfolgreiche Eisschützen

Bei der Generalversammlung am 11.9.34 im Gasthaus „Glashütte“ übernimmt der Kaufmann Julius Gottal das Amt des 1. Vorsitzenden. Er führt den Verein bis 1947 und ist somit am längsten an der Spitze. Als Mitglied und Förderer der erfolgreichen Eistock-Mannschaften trägt er in den nächsten zwei Jahrzehnten den Namen Spiegelau bis an die Spitze des europäischen Eisstocksports.

Am 15. und 16. September 1934 findet in Schönberg ein Turnfest mit über 80 Teilnehmern statt. Obwohl sich sogar Wettkämpfer beteiligen, die ein Jahr zuvor beim Deutschen Turnfest in Stuttgart erfolgreich waren, erreichen die Spiegelauer hervorragende Platzierungen. Mariele Gottal wird Vierte und Karl Baumann erringt sogar den 1. Platz und somit den Kreismeistertitel.

Beim eigenen Schauturnen am 28.10.34 werden Wettkämpfe am Barren, Reck und Pferd ausgetragen. Mit dabei ist einer der besten Turner Niederbayerns, der Frauenauer Loisl Turner. Als Rahmenprogramm kommen Pyramiden und Freiübungen zur Aufführung.

Recht aktiv und erfolgreich sind in den Jahren 1934 und 35 die Spiegelauer Fußballer. In einem Verbandsspiel gelingt gegen den FC Viechtach mit 7: 0 sogar ein echter Kantersieg. „Großer Bahnhof‘ herrscht in Spiegelau als zu Pfingsten 1935 der FC Kickers aus München in Spiegelau eintrifft. In einem Festzug mit Musik werden die Münchner vom Bahnhof zum Sportplatz geleitet – natürlich mit einem feuchten Abstecher zum Gasthaus „Steinklamm“. Das erste Spiel endet 4:2 für Spiegelau. Das zweite Spiel am nächsten Tag gewinnen die Münchner mit 3:0.

Ein Faustball-Dreierturnier am 20.6.35 mit den Mannschaften des Arbeitsdienstlagers Zwieselau, des TV Frauenau und des hiesigen Turnvereins endet mit einem Sieg der Spiegelauer. Aber nicht nur auf heimischem Platz ist die Faustball-Mannschaft zu dieser Zeit recht erfolgreich. Die Allround-Sportler Karl Baumann, Hans Blach, Franz Hiemann, Max Miedl, Karl und Rudolf Prosser oder „Wenz“ Seidl holen sich ihre Siege sogar aus Wallern im Böhmerwald.

Ein erfolgreicher Monat ist für die Spiegelauer Eisschützen der Januar 1936. Sowohl bei der Deutschen Meisterschaft in Mittenwald als auch bei der Kreismeisterschaft in Gotteszelt gewinnen die Schützen Hans Blach, Julius Gottal, Max Miedl und Franz Winter die Goldmedaille.

Am 28. 6.36 findet auf dem Spiegelquer Sportplatz ein großes Turnfest, unter der Leitung des Oberturnwartes Max Karger sen. statt. Über 100 Teilnehmer aus Bodenmais, Frauenau, Grafenau, Schönberg, Zwiesel und Spiegelau messen sich im Geräteturnen, Faustball, 3000 m-Lauf und in „volkstümlichen Kämpfen“. Während Grafenau das FaustballTurnier gewinnt, schneidet der TV Spiegelau beim Geräteturnen äußerst erfolgreich ab. Im Geräte-Fünfkampf der Mädchen siegt Mariele Gottal; bei den Jungen Ludwig Sigl.

Die größten Erfolge zu dieser Zeit feiern jedoch weiterhin die Spiegelquer Eisschützen. Im Winter 1937 belegt das erfolgreiche Quartett Blach, Gottal, Miedl und Winter bei der Deutschen Meisterschaft einen hervorragenden 6. Platz. Quasi als Draufgabe bringt Hans Blach auch noch den deutschen Vizemeistertitel im Zielschießen mit nach Hause.Bei der „Internationalen Sportwoche“ im Januar 1938 in Garmisch Partenkirchen steht dieselbe Mannschaft bei der Deutschen Meisterschaft als Dritter sogar wieder auf dem „Stockerl“. Und Hans Blach verteidigt seinen Vizemeistertitel im Zielschießen.

Am 28.1.40 gewinnen die Spiegelauer Eisschützen die Mannschaftswertung um die Bayerische Gaumeisterschaft. Beim Zielschießen belegt Adolf Seidl den 3.Platz. Im Weitschießen wird er mit 79,09 Meter sogar Vizemeister; gefolgt von seinem Vereinskameraden Franz Winter.
Die gauoffenen Meisterschaften im Eiszielschießen am 10.1.43 in Zwiesel gewinnt natürlich wiederum die Mannschaft „Gottal“ aus Spiegelau.

Fußball 1930
Fußball 1930

Eine Tatsache soll zum Schluß nicht verschwiegen werden: Wie bei vielen anderen Vereinen fehlen auch im Protokollbuch des TSV Spiegelau die Seiten zwischen den Jahren 1935 und 1946. Kurz nach dem Zusammenbruch des“ III. Reiches“ hat wahrscheinlich ein übervorsichtiger Funktionär selbst das recht harmlose Kapitel der Spiegelauer Sportgeschichte aus dem Buch entfernt.

Weiter gehts im 2. Teil